„… das heilige Grün, der Zeuge des
seligen, tiefen Lebens der Welt.“

Friedrich Hölderlin

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Portrait über Reiner Heidorn

REINER HEIDORN / BOTANIC & EXPRESSIONISM

Nicht von ungefähr schreibt Hölderlin „Grün“ die Zeugenschaft des Lebens zu: Das Wachsen und Werden, das Vergehen und Wiederentstehen, die Magie des Kreislaufs der Natur bilden nicht nur unsere Lebensgrundlage, sie sind auch Symbol des Alpha und Omega menschlichen Daseins – mitsamt aller Schattierungen des Dazwischen. Reiner Heidorn macht Grün zum Ausgangspunkt seiner künstlerischen Schöpfungen und Schöpfungen sind es! Als erschüfe er einen Kosmos, der allem Lebendigen huldigt, tropft und tränkt, schliert und sprenkelt, wallt und wabert Grün dem Betrachter in einem Variantenreichtum entgegen, welcher weder farblich noch formal Grenzen zu kennen scheint: vom hellen Lindgrün über Pistazie, Smaragd, Türkis bis hin zu Olive ist in seiner Palette alles zu finden, was die Farbe konstituiert – ergänzt durch Erd- und Wasserfarben. 

Über und unter der Erde, auf und im Wasser erblüht das Universum des Künstlers entsprechend: Ereignisreich ist es dort, weil daselbst das Leben entspringt. Pflanzen sind verwrungen ineinander als machten sie Liebe, Organisches keimt und sprosst, Verästelungen verklammern sich, Fließendes explodiert beinahe im Farbenrausch des Grün. Blicken wir auf wogende Wiesen? Auf prasselnden Regen im Geäst? Auf das Dickicht eines Waldes? Auf Unterwasserwelten? Egal! Es ist nicht das kleine Konkrete, dem der Künstler huldigt, sondern das große Ganze. Eine Ode an das Leben und an seine Transformationen: Reiner Heidorns Welt ist in steter Verwandlung begriffen, eine Metamorphose, die auch der Betrachter zu durchleben eingeladen ist, begleitend zu den Veränderungen, die er in seinem eigenen Leben durchläuft.

Trotz der Wucht der Formationen wirkt die Oberfläche der Gemälde oftmals fragil, als sei jedwedem Zustand seine Temporarität bereits einbeschrieben, als trüge alles und jedes Zerbrechlichkeit stets in sich. Das Dargestellte würdigt somit eine Momentaufnahme – und ist dergestalt wiederum Verweis, dass alles im Fluss ist, kein Moment sich wiederholt und somit jedem Augenblick Aufmerksamkeit gebührt. Die Natur versinnbildlicht das Wissen um die beständige Veränderung, um das stete Erblühen und Erlöschen in jedem Grashalm – und ist daher für den Künstler Lehrmeister und Darstellungsgegenstand in einem. „Auch wenn der Ast vertrocknet ist, die Wurzel ist immer grün“, hat der Dichter Aristotelis Valaoritis einst auf den Punkt gebracht. Reiner Heidorn führt uns mit seinem Werk vor Augen, dass es Zeit ist, sich auf die Wurzeln zu besinnen – die eigenen wie die universellen.

Dr. Sonja Lechner M.A.
Kunsthistorikerin
Kuratorin